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Ringvorlesungen 2013

Liebe Freundinnen und Freunde der Fachhochschule der Diakonie

Hier klicken -> Plakat als pdf-Datei ladenWir laden Sie ab diesem Herbst zu einer dritten Reihe interdisziplinär ausgerichteter Vorlesungen ein - nun in Kooperation mit der FH-Bielefeld:

'Ethik in der Sozialen Arbeit.
8 große Begriffe in klassischen Handlungsfeldern'

Eine Ringvorlesung zur "Ethik in der Sozialen Arbeit" in Bielefeld - braucht es das?

Die Frage kann man sehr berechtigt stellen, wenn man Soziale Arbeit immer schon als ethische Arbeit verstanden haben will; oder wenn man immer schon mit Skepsis darauf sah, wenn Theorie sich in praktische Angelegenheiten mischt; oder wenn man immer schon gern Ethik mit Moral verwechselte und beide Zöpfe gern abgeschnitten hätte; oder wenn man immer schon die Ansicht vertrat, dass im Grunde jeder alles schon längst weiß, was mit Ethik zu tun hat. Oder aus vielen Gründen mehr.

Wenn die Organisatoren der Ringvorlesung dagegen davon überzeugt sind, dass sie keine Eulen nach Athen tragen, dann hat das Gründe.

Es erstaunt nämlich, dass in dem relativ jungen Wissenschaftsgebiet der sog. Angewandten Ethik - deren klassische Teilgebiete etwa der Medizinethik (T. Beauchamp/J. Childress, 1979) oder der Technikethik (H. Jonas, 1979) sich erst seit Ende der 70er Jahre des 20. Jahrhunderts ausbildeten - die Bereichsethik Soziale Arbeit im deutschsprachigen Raum erst in den letzten Jahren den Anschluss an den internationalen professionellen Ethikdiskurs gefunden hat. Zur Erläuterung: Während im englischsprachigen Raum Publikationen zum Thema bereits seit Mitte der 90er Jahre erscheinen (S. Banks: Ethics and Values in Social Work, 1995; F. Reamer: Social Work Values and Ethics, 2nd ed. 1999; W. Bowles et al: Ethical Practice in Social Work. An Applied Approach, 2006), finden sich in Deutschland erst in den letzten Jahren Publikationen zum Thema, die auf einem wissenschaftlichen Ethikbegriff aufbauen, und sich nicht in lediglich sozialpolitischer Utopie bzw. gesellschaftlicher Generalkritik erschöpfen. Die einschlägigen Monographien dieser neuen Generation stammen von P. Eisenmann (Werte und Normen in der Sozialen Arbeit, 2. Aufl. 2012), W. Maaser (Lehrbuch Ethik. Grundlagen, Problemfelder und Perspektiven. Studienmodule Soziale Arbeit, 2010), R. Großmaß/G. Perko (Ethik für Soziale Berufe, 2011) und G. Schmid Noerr (Ethik in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung, 2012).

Aus dieser Beobachtung entwickelte sich nun die Idee, maßgebliche Ethiker und Ethikerinnen im Bereich der Sozialen Arbeit erstmals zu ihrem Thema zu versammeln und sie mit ihren Themen und je verschiedenen theoretischen Ansätzen einem interessierten Publikum vorzustellen. Das ist alles andere als trivial und deshalb erschien uns dieses Unternehmen sinnvoll - ja, das braucht es!

Aus dem Gesamtprogramm der insgesamt acht Vorträge möchte ich kurz auf die drei externen Referenten eingehen, die auf dem Hochschulcampus der FH der Diakonie zu Kernbegriffen der Ethik Stellung nehmen werden.

Do., 14. November 2013: Prof. em. Dr. Peter Eisenmann - "Gerechtigkeit"

Peter Eisenmann hat unlängst (in der zweiten Auflage 2012) ein sehr grundlegendes Buch zu Werten und Normen (in der Sozialen Arbeit) vorgelegt. Grundlegend meint, dass es ihm weniger um Analysen aktueller Diskurse in der Sozialen Arbeit geht - genau dies kritisierte vor kurzem der Schweizer G. Husi in einer Rezension (nachzulesen auf www.socialnet.de/rezensionen/14133.php); vielmehr versucht Eisenmann, und das ist durchaus rühmlich, sich gerade nicht in sozialpolitischen Verwirrspielen zu verfangen, sondern das Instrumentarium, mit dem es ethische Wissenschaft zu tun hat, vorzustellen und damit bekannt und damit zuallererst handhabbar zu machen. Damit gehört Eisenmann gerade nicht zu denjenigen, die ohne profundes Verständnis von Ethik als Wissenschaft zu Sein und Sollen aktueller Sozialpolitik herummoralisieren. Dem "Kardinalwert" "Soziale Gerechtigkeit" widmet er in seiner Monographie ein ganzes Kapitel. Und er scheut sich nicht, bei Platon und Aristoteles (womit denn eben sonst?) anzufangen um über wenige Zwischenschritte zügig zu den großen Entwürfen zum Thema in den letzten Jahrzehnten zu kommen. Er beleuchtet unseren "großen Begriff" in kritischer Absetzung von John Rawls'  "Theorie der Gerechtigkeit" (1971) und positioniert sich demgegenüber auf Seiten des "Capability Approach" von A. Sen und M. Nussbaum. Und von hier aus, d.h., von dieser theoretischen Vorarbeit aus, entwickelt er Forderungen in Richtung Politik und Soziale Arbeit ...

Do., 12. Dezember 2013: Prof. Dr. Gunzelin Schmid Noerr - "Menschenwürde"

Ebenfalls 2012 veröffentlichte Schmid Noerr sein Buch mit dem Titel "Ethik in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung". Auch Schmid Noerr anerkennt eine gewisse Eigentümlichkeit politischer Gegenwartsdiskurse - sei es auf den ganz großen oder auf den kleineren Bühnen der Debatten: "Wir beurteilen Handlungen als ungerecht oder menschenunwürdig, aber was Gerechtigkeit oder Menschenwürde an sich sind, wissen wir im Alltag kaum zu sagen." Und so buchstabiert sich der Autor durch viele relevante Themen der Angewandten Ethik (z.B. Moralbegriff, Ethikbegriff, Unterscheidung deskriptiv/normativ, Ethikkonzepte, Individualethik/Sozialethik, Moralentwicklung) um sich schließlich auch der Frage zuzuwenden: "Was ist Menschenwürde?"

In den entsprechenden Fachdiskussionen um Schmid Noerr herum finden sich grundsätzlich drei Möglichkeiten, diese Frage zu beantworten. Man kann (z.B. mit N. Hoerster) überhaupt verneinen, dass mit dem metaphysisch-diffusen Begriff "Menschenwürde" etwas Sinnvolles ausgesagt wird; dieser sei verzichtbar, weil der Kerngehalt eindeutiger zum Ausdruck komme in den Grund-, bzw. Menschenrechten. Diese genügten, und man erspare sich die quasitheologischen Streitereien um den wahren Inhalt des Begriffs. Andere (wie z.B. N. Knoepffler) bemühen sich eben darum, den wahren Inhalt des Menschenwürdebegriffs inhaltlich gehaltvoll und eindeutig zu bestimmen. Je unterschiedlich allerdings - womit sich wiederum die Frage stellt, welchem Entwurf man persönlich den Vorzug geben wolle und welcher inhaltliche Entwurf denn nun wirklich den wahren Inhalt anzeige. Diesen Weg beschreitet auch Schmid Noerr mit einem sehr konkreten Modell, in Anlehnung an F.-J. Wetz. Einen dritten Weg schlägt z.B. R. Anselm vor: "Menschenwürde" sei demgemäß eine bloße Chiffre für die Anwesenheit von Ethik. Sie ist wichtig (gegen Hoerster u.a.), weil sie die Akteure immer wieder in den Diskurs zwingt; sie ist aber nicht eindeutig bestimmbar (gegen Knoepffler u.a.). So bestehe die Aufgabe darin, immer wieder den Konsens darüber zu erarbeiten, was im konkreten Fall unter dem Begriff zu verstehen sei ...

Do., 09. Januar 2014: Prof. Dr. Wolfgang Maaser - "Menschenrechte"

"Menschenrechte als Konkretisierung der Menschenwürde" - von dieser Grundannahme aus entfaltet Maaser in seinem 2010 erschienen Lehrbuch zur Ethik gleich zu Beginn in zwei Kapiteln Grundlagen und Vertiefung dieses Themas. Auffallend ist von vorneherein, dass der Autor die Menschenrechte stets in enger Verknüpfung mit der Menschenwürde verhandelt - eine Besonderheit, die der politischen Wertorientierung Deutschlands seit 1949 geschuldet ist. (Dass eine Verfassung auch ganz auf die Rechte -ohne fundamentalen Rekurs auf die Würde- gestellt sein kann, zeigt der Blick auf die maßgeblich von H. Kelsen ausgestaltete österreichische Verfassung.) Maaser leistet Definitionsarbeit, Unterscheidungsarbeit, historische Arbeit und kommt schließlich auf die Bedeutung dieser Normen für die Soziale Arbeit zu sprechen und übernimmt das Diktum von S. Staub-Bernasconi von der Sozialen Arbeit "als Menschenrechtsprofession": Zwischen Hilfe und Kontrolle bezieht sich Soziale Arbeit weiterhin "auf eine übergeordnete, transstaatliche Größe". Von daher werden politische Entscheidungen und schwierige Fälle einem Urteil unterzogen und von daher geschieht "Orientierung in kritischer Absicht." Interessant ist m.E. daran v.a., dass sich aus der Behauptung eines eigenen professionellen Gewissens, das sich an den Menschenrechten orientiert, zugleich kritische Distanz zu unzumutbarem staatlichem Kontrollansinnen, wie zu unzumutbaren Hilfeaufforderungen der Klienten begründen lässt ...


Literatur:
- Eisenmann, Peter (2012 [2006]): Werte und Normen in der Sozialen Arbeit. Philosophisch-ethische Grundlagen einer Werte- und Normenorientierung Sozialen Handelns. 2. überarb. u. erw. Aufl. Stuttgart (Kohlhammer).
- Maaser, Wolfgang (2010): Lehrbuch Ethik. Grundlagen, Problemfelder und Perspektiven. (Studienmodule Soziale Arbeit). Weinheim und München (Juventa).
- Schmid Noerr, Gunzelin (2012): Ethik in der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. (Grundwissen Soziale Arbeit. Bd. 10). Stuttgart (Kohlhammer).

 
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    Aktualisiert: 25.02.2021 14:30

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