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Interview: Inklusion, das Sozialsystem und mehr - Praktische Erfahrungen während eines Auslandsjahres in Deutschland


< zurückFrau Mc Laughlin, können Sie zunächst ein bisschen was über sich erzählen?

Ich bin 20 Jahre alt und komme aus England. Dieses Auslandsjahr ist das dritte Jahr meines Studiums. In England studiere ich Deutsch und Soziologie an der Universität Warwick. In der Zukunft möchte ich dann noch meinen Master in Disability Studies machen. Mit diesem Master spezialisiert man sich in den Bereichen Behindertenpolitik und Forschung.

Sie sind für ein Freiwilliges Soziales Jahr in Deutschland. Wo absolvieren Sie dieses und was sind Ihre Aufgaben?

Ich arbeite bei der Lebenshilfe Lübbecke in einer Wohnanlage für Menschen mit geistiger Behinderung. Ich bin im Rahmen der Freizeitangebote tätig. Die Freizeit der Bewohnerinnen und Bewohner gestalten wir vielfältig, in dem wir gemeinsam lesen, basteln, Spiele spielen, Ausflüge machen und vieles mehr. Ich selbst biete Englischunterricht an, begleite eine Trommelgruppe und habe ein Fotoprojekt durchgeführt.

Können Sie uns etwas zu den Gründen sagen, warum Sie sich für ein Jahr im Ausland entschieden haben?

Als Teil meines Studiums machen wir Studentinnen und Studenten alle ein Auslandsjahr in Deutschland oder Österreich. Ich persönlich wollte gerne eine Arbeitsstelle in der Behindertenhilfe finden, um mehr praktische Erfahrungen in dem Bereich zu sammeln und um etwas zu den Unterschieden in dem Bereich zwischen Deutschland und England zu erfahren.

Möchten Sie näher schildern, was für eine Behinderung sie haben?

Ich habe schon seit meiner Geburt „Spina Bifida“. Weil sich die Nerven während der Schwangerschaft anders als normal entwickeln, hat man bei dieser Behinderung einen Spalt im Rücken und geschädigte Nerven.

Welche Einschränkungen bringt die Behinderung im Alltag mit sich und wo brauchen Sie Hilfe?

Da ich eine Körperbehinderung habe, benutze ich einen Rollator für kurze Strecken und einen Scooter, wenn ich weiter weg möchte. Ich habe auch Assistenz bei der Haushaltsführung und für Ausflüge. Nur so kann ich meinen Sozialraum gut erkunden, da die öffentlichen Verkehrsmittel und einige Gebäude nicht immer barrierefrei sind. Auch Arzttermine stehen regelmäßig auf dem Programm.

Um im Alltag selbstbestimmt leben zu können, bin ich darauf angewiesen, dass der Inklusionsgedanke möglichst gut in der Praxis gelebt wird. Das heißt für mich konkret, dass Gebäude rollstuhlgerecht und mit einer Behindertentoilette ausgestattet sein müssen. Es ist auch wichtig, dass öffentliche Verkehrsmittel barrierefrei sind, denn sonst komme ich nicht wirklich weit rum.

Gelebte Inklusion und die Schaffung von Barrierefreiheit sollten nach meiner Meinung nicht als besonderer Aufwand angesehen werden, sondern als etwas, das zu einem erfüllten und selbstständigen Leben für Menschen mit Behinderung führt und darüber hinaus allen Menschen nutzt.

Wie haben Sie das Sozialsystem in Deutschland bisher praktisch erlebt und wo sehen Sie die Grenzen dieses Systems aus Ihren persönlichen Erfahrungen heraus?

Grenzen sehe ich persönlich im Bereich der finanziellen Ausgestaltung des Systems. Das Gesundheitssystem ist im Vergleich zu England nach meiner ganz persönlichen Meinung finanziell recht gut ausgestaltet, wenn man nur selten zum Arzt muss oder nur wenig Medikamente im Alltag braucht. Wenn man aber regelmäßig Medikamente nehmen muss, damit die Gesundheit stabil bleibt oder sich nicht verschlimmert, so wendet sich das Blatt recht schnell. Das habe ich empfunden, als ich eine Haushaltshilfe brauchte, denn in Deutschland sind Medikamente und Assistenz nach meiner persönlichen Erfahrung viel teurer als in England, wo man bei bestimmten Krankheiten überhaupt nichts für Medikamente bezahlen muss. Jeder in England bezahlt das NHS (National Health System, das Gesundheitssystem) über Steuern, dann sind Arzttermine, Krankenhausaufenthalte und Operationen umsonst.

Welche positiven Aspekte unseres Sozialsystems haben Sie erfahren?

Ich finde es positiv, dass alles ziemlich schnell und gut organisiert zu sein scheint. Auf Arzttermine wartet man in England zum Beispiel oft sehr lange. Das habe ich in Deutschland anders erlebt und konnte sehr schnell geeignete Fachärzte aufsuchen und mit der Behandlung beginnen. Auf Termine für Operationen wartet man in England oft sehr lange. Ich habe oft gehört, dass das in Deutschland meistens schneller geht.

Schauen wir nun in Ihre Heimat. Welche Erfahrungen machen Sie dort, was das Sozialsystem angeht und wie steht es dort um praktisch gelebte Inklusion?

Auch in England kann im Rahmen dieser Themenfelder noch einiges verbessert werden, aber im Vergleich zu Deutschland, denke ich, hat die Gesellschaft in meiner Heimat das Thema Inklusion schon mehr verinnerlicht. Das merkt man im Alltag. Die Barrierefreiheit ist besser fortgeschritten an manchen Orten und wenn das doch einmal nicht der Fall ist, ist das den Menschen gefühlt unangenehmer als in Deutschland. Der gesellschaftliche Druck für positive Veränderungen scheint in meiner Heimat etwas höher zu sein. Das Gesundheitssystem ist für chronisch kranke Menschen finanziell deutlich weniger belastend als in Deutschland.

Können Sie diese Erfahrungen noch mit genauer erläutern?

Nun, ziemlich oft wenn ich in Deutschland mit Menschen über mangelnde Barrierefreiheit in einigen Gebäuden gesprochen habe, wirkt die Antwort eher resignierend und ein stückweit gleichgültig und war wenig lösungsorientiert. Nicht selten hieß es einfach „Wir sind leider einfach nicht barrierefrei und auf Menschen mit Behinderung eingestellt.“ Die daraus zu hörende Haltung empfinde ich problematisch. Wenn den Menschen noch bewusster wäre, dass Barrierefreiheit für eine Chancengleichheit aller Menschen unbedingt notwendig ist, wäre es sicher oft viel einfacher für Menschen mit Behinderung aktiv und selbstbestimmt an der Gesellschaft teilzunehmen. Kleine Schritte in Richtung Barrierefreiheit haben eine große Auswirkung auf das alltägliche Leben der Menschen und Barrierefreiheit hilft auch allen Menschen ein Stück weit. Wenn es beispielsweise in der Nähe immer eine Behindertentoilette gäbe, könnte man länger draußen bleiben und mit Freudinnen und Freunden gemeinsam etwas trinken gehen, ohne sich Sorgen machen zu müssen, was passiert, wenn man auf die Toilette muss. Wenn es an Geschäften und öffentlichen Gebäuden noch mehr Rampen gäbe, könnten Menschen mit Behinderung viel mehr unternehmen. Dann kann man Gebäude betreten. Ich shoppe recht gerne, aber oft ist die Kabine zur Anprobe hier in Deutschland für mich und meinen Rollstuhl zu klein gewesen. Wirklich Freude macht ein Shoppingtripp dann nicht.

Wir sprechen auch von Barrieren in den Köpfen der Menschen, die es mehr und mehr abzubauen gilt, um praktisch gelingende Inklusion weiter voranzutreiben. Wie kann das aus ihrer persönlichen Sicht gelingen?

Ich glaube es ist wichtig, dass Menschen mit Behinderung im Alltag und in der Gesellschaft ganz nach ihren persönlichen Fähigkeiten noch präsenter und deutlicher sind und damit selbstverständlicher werden. Es wäre, so glaube ich, auch vorteilhaft, dem Thema Inklusion in der Schule von Anbeginn an mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Schauen wir dafür noch einmal in meiner Heimat auf den Stundenplan. Dort haben wir eine Stunde in der Woche das Fach „PSHE“ (Personal Social Health Education). Im Rahmen des Unterrichts werden wichtige gesellschaftliche Themen beleuchtet. Ein Bereich sind die Themenfelder Behinderung und Inklusion neben dem richtigen Umgang mit Rassismus, Drogen, Alkohol und vielem mehr. Ich fände es auch gut, wenn wir im Sprachgebrauch noch etwas sensibler werden. Die Redewendung unter einigen Jugendlichen „das ist ja voll behindert“ oder auch die Frage, ob wir von Behinderten oder den Menschen mit Behinderung sprechen, zeigt in Teilen etwas über die Haltung gegenüber diesen Menschen und die gesellschaftliche Akzeptanz, auch wenn man das sicher nicht pauschalisieren kann.

Nun noch eine persönliche Frage zum Abschluss: Wenn Sie ein Fazit ihres Auslandsjahres ziehen, wie fällt das aus?

In Deutschland habe ich es sehr gut gefunden, die Möglichkeit zu haben, meine Sprachkenntnisse zu verbessern, neue Leute kennenzulernen und eine neue Kultur zu erleben. Die Arbeit hat mir auch sehr gut gefallen und hat viel Spaβ gemacht, und ich bin mir jetzt sicher, dass ich zukünftig in der Behindertenhilfe arbeiten möchte.

Herzlichen Dank für ihre Zeit und ihre Gedanken und für Sie persönlich alles Gute

Helen McLaughlin freut sich auf Rückmeldungen, Fragen und Kritik unter: disabilityawarenessblogger@hotmail.com.

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    Aktualisiert: 25.02.2021 14:30

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