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05.08.2017 (Schottland)

Die Tage vier bis sechs


Am Nachmittag darf ich die Runde der Pain Nurse und des Anästhesisten begleiten. Auch sie besuchen gemeinsam Patienten die entweder kürzlich eine OP hatten, oder wenn sie von Pflegekräften auf Normalstationen für bestimmte Patienten angefordert wurden. In Ayr gibt es zwei „Pain Nurses“ die sich eine Stelle teilen. Eine geht jeden Tag durch die Klinik, begleitet die Patienten dauerhaft um den Verlauf zu beobachten. Montags und donnerstags wird sie von einem Anästhesisten begleitet.

Tag 5

Tag fünf hier in Schottland ist mein bisheriges Highlight. Es beginnt wie immer mit der Morgenroutine, bestehend aus Übergabe, ausfüllen der Dokumentationsbögen, Kontrolle der Geräte und eingestellten Alarme, und dem Waschen der Patienten. Ab 10 Uhr darf ich mit Maureen mitlaufen. Sie ist nicht nur langjährige Krankenschwester auf der ICU sondern auch zuständig für den „Follow-up“ Service, das heißt sie kümmert sich um die Nachsorge der Patienten der Intensivstation.

Maureen führt diesen Service bereits seit 16 Jahren durch. Als sie ihren Abschluss in „Specialized nursing practise in critical care“ gemacht hat, hat sie zu diesem Thema eine Arbeit geschrieben, und es in der Praxis weiterhin verfolgt. Entstanden sei das Konzept in Liverpool, erklärt sie mir. Damals war es wohl sehr populär, dann sei das Interesse abgeebbt. Mittlerweile erfreue es sich wieder größerer Beliebtheit.

Jeden zweiten Freitag geht sie als erstes den Kalender der ICU durch. Sie notiert sich die Namen der Patienten, die in der Zwischenzeit auf andere Stationen verlegt wurden, dann besucht sie diese dort. So macht sie sich ein Bild von deren Situationen, steht für Fragen zu Verfügung und begleitet den Verlauf.

Sobald die Patienten entlassen wurden, schickt sie den Patienten einen Brief, in dem sie ihre Kontaktadresse schreibt und sagt, dass sie da ist, falls man sie brauchen sollte. Nach ca. 2 Monaten schreibt sie noch einmal, lädt zu einem Termin in der „Follow-up Clinic“ ein, die sie Freitag nachmittags abhält und schickt einen Fragebogen mit. Sie tut dies, da 2 Monate genug Zeit seien, um feststellen zu können, wie sich der Alltag gestaltet und ob es noch irgendwelche Probleme gibt. Auch dabei darf ich Maureen begleiten. Nach der Begrüßung beginnt sie damit, nach dem Befinden zu fragen; zuerst allgemein, dann auf medizinische Aspekte bezogen. Sie fragt nach u.A. nach Atmung, Schmerzen, Husten, Auswurf, Konzentrationsfähigkeit. Sie erklärt welche Nebenwirkungen die Medikamente haben können, die die Patienten erhalten haben. Sie kontrolliert Hautstellen wo sich Zugänge oder ein Tracheostoma befanden. Außerdem klärt sie die Patienten darüber auf, dass die Erholung nach einem Aufenthalt auf einer Intensivstation durchschnittlich sechs bis neun Monate dauert, und dass am Tag zwei bis drei Prozent Muskelmasse abgebaut werden, wenn man ausschließlich liegt. So fällt es den Patienten leichter ihre Situation zu verstehen, und dass es normal ist, dass Dinge ihre Zeit brauchen. Die Biochemie des Körpers ist durch die vielen Medikamente komplett durcheinander gebracht worden, davon muss sich der Körper erst erholen. Deshalb ist es Maureen auch wichtig, sich als Pflegekraft immer wieder bewusst zu machen, dass es Konsequenzen hat was wir tun, so erklärt sie mir später. Viele Patienten leiden nach der Entlassung an einer „ICU Psychosis“, an Halluzinationen wegen der Medikamente und Erschöpfung aufgrund eines gestörten Tag-Nacht Rhythmus.

Außerdem fragt sie im Gespräch nach den Angehörigen und der Alltagsbewältigung. Am Ende nimmt sie noch den ausgefüllten Fragebogen entgegen. Sie habe schon viele verschiedene ausprobiert, sich inzwischen aber für die „Hospital Anxiety and Depression Scale“ entschieden.

Ich fand diesen Tag sehr lehrreich und angenehm positiv. Wie eine Krankenschwester bei unserem Besuch auf einer Station gesagt hat: Auf der Intensivstation erlebt man die Patienten nur in ihrem allerschlimmsten Zustand, Maureen begleitet den Verlauf, und sieht auch die Erfolge ihrer Arbeit.

Im „University Hospital Ayr“ ist Maureen allein ist für den „ICU Follow up“ Service verantwortlich. Da es ein kleines Krankenhaus sei, mit 300 bis 320 ICU Patienten im Jahr ist dies ihrer Einschätzung nach auch ausreichend. In Edinburgh gäbe es ein ganzes „Follow up Team“. Glasgow hingegen nutzt ein anderes System der Nachsorge. Es ist also nicht einheitlich geregelt.

Tag 6

An Tag sechs nutze ich das schöne Wetter, um die Isle of Arran zu erkunden. Dort gibt es Steinkreise, die 4000 Jahre alt sind. Da auf der Insel heute die „Brodick Highland Games“ stattfinden begegnen mir viele Schotten in traditionellen Trachten, die Dudelsack spielen und Trommeln. Ein original schottischer Tag.

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