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02.05.2013 - Tag 2

Recovery Learning Community


Ich habe eine kurze Powerpoint-Präsentation über meine Arbeit gehalten und Fotos meiner Klinik, meiner Familie und meines Hauses gezeigt. Anschließend haben alle Teilnehmer sich selbst und ihre Arbeitsbereiche ausführlich für mich vorgestellt. Jetzt wurde mir ein bisschen deutlicher als gestern wie sie arbeiten. Was in deren anschließendem Teammeeting, an dem ich weiter teilnehmen durfte, deutlich wurde war, dass die alltäglichen Anforderungen denen sie sich stellen müssen sich nicht stark von unseren unterscheiden. Zugegeben konnte ich nicht allen Themen im Detail folgen. Auf der einen Seite dachte ich manchmal, dass dort auch nur mit Wasser gekocht wird und dass wir im Vergleich genauso gute Arbeit leisten. Auf der anderen Seite dachte ich, dass deren Ansätze „Problemen“ zu begegnen manchmal personenzentrierter oder fantasievoller sind als unsere. Im Fokus steht ganz deutlich der Menschen und es gilt zu gucken, wie man die Beziehung zu der Person am Besten gestalten kann und wie man ihn dort abholen kann wo er steht. Ein Vorschlag einer Teilnehmerin war mit einem Klienten, den ich gestern kennenlernen durfte, Flaschen sammeln zu gehen, da das scheinbar das einzige ist, das im Spaß macht und einen Sinn gibt, da er so sein Geld verdient. Darüber sollte ein Zugang zu ihm geschaffen werden, damit die Mitarbeiter besser verstehen können, was ihn motiviert, was seine Träume und Ziele sind um auf dieser Basis weiterarbeiten zu können. Das fand ich faszinierend. Allgemein geht es darum die Menschen möglichst ambulant statt stationär in einem psychiatrischen Krankenhaus zu behandeln.

Nach dem Mittagessen (wir sind klischeehaft mit dem AUTO zum 50m entfernten Diner gefahren um uns etwas zum Essen zu holen ;) ) hat Shari mich zur Recovery Learning Community (www.centralmassrlc.org) begleitet. Das war sehr beeindruckend und anrührend. Zunächst wurden uns zwei Filme über die Arbeit der RLC gezeigt (http://www.youtube.com/watch?v=GR-IByJuOSQ  und http://www.youtube.com/watch?v=EQhqkZSvKs8). Es ist eine Einrichtung, in der der Peer Support groß geschrieben und gelebt wird. Jeder der dort Arbeit hat eine Erfahrung mit einer seelischen Krise gemacht. Sie bieten an allen Werktagen ein Programm an bei dem es stets darum geht, dass Menschen mit der gelebten Erfahrung einer seelischen Krise zusammenkommen und von den Erfahrungen der anderen Teilnehmer lernen. Jeden Tag findet eine Peer Support Gruppe statt an der jeder der möchte seine Gedanken oder auch Probleme der Gruppe vorstellen kann und die anderen aus ihrer Erfahrung heraus berichten was ihnen in einer solchen Situation geholfen hat. Eine weitere Gruppe ist die „Voice Hering Support“-Gruppe, in der sich Menschen, die in ihrem Leben die Erfahrung gemacht haben, dass sie Stimmen gehört haben/hören, austauschen können. Andere Veranstaltungen heißen „Stories of success“ und „Dual Recovery Dialogue“ und dienen dem gegenseitigen Austausch zwischen den Experten aus Erfahrung. Des Weiteren gibt es Englisch- oder Computerkurse um die Teilnehmer beispielsweise auf die Arbeit vorzubereiten oder einfach am Leben teilhaben zu lassen.

RLC geht davon aus, dass jeder Mensch in Laufe seines Lebens eine (seelische) Krise durchmacht, aber das jeder Mensch auch die Fähigkeit hat zu recovern. Über einem der Schreibtische im Büro hing ein Bild, das von einem der Teilnehmer erstellt wurde, auf dem der Spruch stand: „If you are able to walk, you are able dance. If you are able to talk, you are able to sing“. Ich denke, dass das die Botschaft ist. Mike, der uns durch die Einrichtung geführt hat, erzählte, dass „our business is hope“. Des Weiteren erklärte er, dass jeder der möchte in diese Einrichtung kommen kann. „We are not interested in diagnosis. We are interested in the hopes and dreams of the people who visit us.”

Ein wichtiger Aspekt in der Arbeit bei RLC ist, dass die Gäste bei jeder Entscheidung partizipieren. Nichts wird von oben „top down“ entschieden. Die Teilnehmer werden in alles einbezogen.

Anschließend haben wir noch eine weitere Wohngruppe von Alternatives besichtigt. Alle Bewohner haben ihre Deutschkenntnisse ausgegraben und mich auf Deutsch begrüßt. J Als Shari einem der Bewohner erzählte, dass es meine „Mission“ ist etwas über Recovery zu lernen, erzählte er mir, dass Recovery für ihn sehr wichtig ist. Es gäbe zwei Leben. Eines im psychiatrischen System und eines danach in dem man all´ seine Träume verwirklichen kann. Und das danach ist Recovery. Als ich ihn nach seinen Träumen fragte, sagte er, dass er gern DJ werden würde und hier unterstützt wird einer zu werden. Nebenbei malt er wunderschöne Bilder, die ich mir ansehen durfte.

Natürlich hat das System hier auch seine Schattenseiten und Sharis Büronachbarin bestätigte z.B. meine Annahme, dass einige der Menschen zu viel Unterstützung bekommen und andere zu wenig. Im Allgemeinen verfolgen sie aber das Motto „Soviel wie nötig, so wenig wie möglich“ einzugreifen. Shari und ich reden auch viel über die Defizite des Systems und diese sind sehr ähnlich in Deutschland und den USA. Aber wie ihr beim Lesen des oberen Teils bemerkt habt, bin ich viel zu geflasht von den tollen Begegnungen mit gelebtem Recovery, so dass ich Euch nicht soviel über die Missstände berichten kann. ;)

Eines der Hindernisse gegenüber Recovery ist ja oft die Aussage: Klingt super, aber das geht nicht mit unseren Patienten/Klienten/Bewohnern/Gästen. Lasst mich diesen Blogbeitrag abschließen mit: Es geht.

See you tomorrow, Regine.

P.S.: Morgen gibt es bereits eines meiner Highlights. Ich werde Marianne Farkas im Zentrum für Psychiatrische Rehabilitation der University of Boston treffen.

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