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Die Hospitation wurde ermöglicht durch Visit- soziotherapeutische Pflege GmbH.

26.05.2013 - Tag 26

Resümee der Hospitation - Teil 3 - Erkenntnisse Recovery


Es war heute ein sehr windiger und kalter Tag in Boston und ich war froh, dass ich eine dickere Jacke und ein Hotelzimmer mit einer warmen Dusche habe. Während ich dann mit meinen Einkaufstüten (hier kann man ja jeden Tag einkaufen) zum Hotel zurück lief, sah ich den krassen Kontrast nochmal mit eigenen Augen. Auf der linken Seiten hatten in den Eingängen der mittlerweile geschlossenen Geschäfte die ersten Obdachlosen ihr Nachlager bezogen und schienen mit wenigen Zeitungen und einer dünnen Decke bedeckt zu schlafen. Das ganze zwei Meter von mir entfernt. Weitere zwei Meter von mir entfernt auf der rechten Seite stand eine schwarze Stretch-Limousine. In jedem weiteren Hauseingang lagen weitere Obdachlose um sich vor dem Wind zu schützen. Und häufig waren es wirklich nahezu Kinder. Da lag mir mein Essen wirklich schwer im Magen. Man sieht hier im Stadtbild sehr viele Menschen, die scheinbar auf der Straße leben. Viele sind zwischen geschätzten 16 und 25 Jahre alt. Eine junge Frau kam mir auf dem Weg zur U-Bahn nun bereits häufiger entgegen und durchsuchte die Mülltonnen der Gegend. Wenn man in ihre Augen sieht, sieht sie relativ stoned aus. Shari von Alternatives berichtete, dass hier viele obdachlose Menschen drogenabhängig sind und Heroin (ich kann leider keine Mengenangabe machen) hier beispielsweise nur $1-2 kostet. Ich kenne mir bei illegalen Drogen nicht so aus und kann keinen Vergleich nennen, was man für Heroin bei uns bezahlt. Ich kenne natürlich die Geschichten der Menschen nicht, aber es geht einem schon nah. Wahrscheinlich ist es ein Teufelskreis. Die Menschen haben keine Arbeit und können sich, selbst wenn sie hiesiges Arbeitslosengeld beziehen, keine eigene Wohnung leisten. In Massachusetts sind aktuell 6,4% der Menschen arbeitslos. Das entspricht 222.848 Bürgern (http://www.deptofnumbers.com/unemployment/massachusetts/). Im Jahre 2011 wurden in Massachusetts 16.664 obdachlosen Menschen registriert, wobei ich mir vorstellen könnte, dass es hier sicherlich eine Dunkelziffer gibt. Mehr zu dem Thema unter: http://www.mass.gov/eohhs/researcher/basic-needs/housing/an-overview-of-homeless-individuals-in-mass.html. Irgendwie komme ich mir komisch vor mit vollgeschlagenem Bauch und vollen Tüten ins Hotel zu gehen und andere schlafen draußen, wobei ich alleine das Problem ja auch nicht lösen kann. Einige scheinen hier auch nicht als typische Obdachlose aufzufallen. Eines Morgens in den letzten Wochen war ich auf dem Weg zum Zug und lief neben einem Mann Mitte 30 an einem offensichtlich obdachlosen Menschen mit dreckiger Kleidung, einem verschmutzten Gesicht, einem langen Bart und einem Einkaufstrolley mit persönlichen Gegenständen in Müllsäcken vorbei, der jeden Morgen an der gleichen Stelle an der U-Bahn sitzt. Der junge Mann, der neben mir lief fragte mich dann „Boar, riechen Sie das wie der stinkt?“ Ich hatte nichts gerochen, aber er fuhr fort: „Man muss doch nicht so stinken. Ich bin auch obdachlos, aber trotzdem kann man sich doch etwas pflegen.“ Nach diesen Worten rauchte er an mir vorbei ins Bahnhofsgebäude. Dem hätte ich es wirklich nicht angesehen oder es vermutet. Der Mann hätte auch neben mir in der FH sitzen oder einer meiner Kollegen sein können. Zum deutsch-amerikanischen Vergleich hier noch ein Zeit-Artikel: http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-11/usa-obdachlosigkeit-armut.

Naja, nun wollte ich Euch heute ja eigentlich den dritten Teil meines Resümees präsentieren und zusammenfassend berichten, was ich zum Themenschwerpunkt Recovery mitnehmen kann. Here we go!      

Zunächst einmal glaube ich, dass ich theoretisch durch die umfangreiche Literatur schon recht gut vorbereitet war und immer wieder darauf zurückgreifen konnte. Wie ich bereits einmal beschrieben habe, war es teilweise, als würde ich in einem Film stecken, der meine Recoverybücher zum Leben erweckt. Daher ist mir vieles nicht neu gewesen, aber dafür hier umso deutlicher geworden. Alle die denken, dass ich jetzt nach Hause komme und anfange „Recovery zu machen“ muss ich ein Stück weit enttäuschen. Es ist noch einmal deutlich geworden, dass Recovery keine Intervention ist, die man einführen kann, wie eine neue Sportaktivität oder ein neuer Zufriedenheitsfragebogen für Patienten. Es ist wirklich eine Haltung und eine Philosophie, die von den Akteuren gelebt werden muss. Dahingehend können professionelle Helfer als Rollenmodell für ihre Klienten/Patienten/Bewohner etc. dienen. Wenn wir die Haltung haben, dass es für jeden möglich ist ein zufriedenes, sinnhaftes Leben mit guten Beziehungen zu führen und dass jeder in der Lage ist an Träumen und Zielen zu arbeiten und Wachstumspotential hat und diese Haltung auch ausstrahlend und mit Leben füllen, können auch unsere Patienten (irgendwie fällt es mir zunehmend schwerer Patienten zu schreiben) ihr Potential entdecken Ich kann mich noch gut daran erinnern, als ich letztes Jahr im März nach dem 1. Internationalen Recoverykongress in Bern (s. Blog-Roll) wieder zur Arbeit ging und mit einer Frau, die vor vielen Jahren erstmals psychische erkrankte,  im Park spazieren ging. Ich kenne sie seit 2007 als Patientin und viele meiner Kollegen noch viel länger. Sie erzählte mir im Gespräch, dass sie auch gern wieder arbeiten würde. Da dachte ich mir: „Toll, jetzt sitzt Du hier mit deinem Recoverywissen und weißt nicht was Du antworten sollst!“ Ich dachte selbst an einen der Top Ten-Einwände, dass es bestimmt bei vielen möglich ist, aber dass ich einige Menschen aus meinem Arbeitsleben kenne, bei denen ich eine solche Entwicklung nicht sehe. Hier habe ich Menschen kennengelernt, die mir Geschichten erzählt haben, die denen meiner Patienten sehr ähnelten und zeigten, dass es möglich ist. Frau Farkas sagte noch mal einen Satz der mir auch in der Recoveryliteratur begegnet ist. Niemand der im Hilfesystem arbeitet würde sagen, dass er nicht an den Menschen interessiert ist und nicht personenorientiert handelt. Aber wenn wir das alle machen und auch sagen, dass wir schon immer recoveryorientiert gearbeitet haben, warum werden die Menschen dann nicht gesund im Sinne von Recovery. Das hat mich nochmal nachdenklich gemacht. Wir reden alle von Ressourcenorientierung und aktivierender Pflege. Ich spreche jetzt mal für mich persönlich um niemand anzugreifen oder zu verallgemeinern. Wenn das was ich hier gesehen habe recoveryorientiert und personenorientiert ist, ging meine bisherige Arbeit sicherlich in eine richtige Richtung, aber da geht noch wesentlich mehr. Ich habe nun viele Menschen vor Augen, die auf meiner Station behandelt wurden, bei denen sicher hier nochmal andere Ansatzpunkte versucht werden würden. Ich glaube, dass ich, wenn ich wieder zurück komme einen anderen Fokus auf vieles legen werde.

Des Weiteren habe ich neben der Haltung nochmal gelernt wie wichtig die Sprache ist und werde viele Wörter aus meinem Wortschatz streichen. Wie ich nach dem Besuch bei der Recovery Learning Community berichtet habe, sehen die Menschen den Begriff Recovery auch kritisch und es gibt Menschen die sagen, dass Recovery, wenn es vollständige Genesung und einen Rückgang aller Symptome bedeutet, nicht möglich ist. Das ist dann ja auch eher die eingangs beschriebene symptomfokussierte Definition. Es gibt aber auch Menschen, die sagen, dass sie trotz der Erfahrung dieser seelischen Krise Freundschaften haben, ein normales Familienleben führen können, ihre Freizeit gestalten können, einer Arbeit nachgehen können und ein glückliches Leben haben. Einige sagten, dass sie das Leben das sie vorher hatten auch nicht wieder haben wollen und die Erfahrung nicht mehr missen wollen. Das impliziert eine weitere Botschaft, die ich mitnehme und bereits aus der Literatur kenne. Die Definition von Recovery ist sicherlich so individuell wie die Menschen selbst und jeder entscheidet für sich wohin die Recoveryreise geht. Die einen möchten wieder eine Mutter oder Vater sein können und für ihre Kinder sorgen können. Andere wollen wieder ihren Job ausführen können. Wieder andere definieren Recovery als Zustand im dem sie ihre Symptome soweit unter Kontrolle haben, dass sie das Haus alleine verlassen können. Und da es für jeden anders ist, entscheidet auch jeder selbst wann er sich auf den Weg macht und was erreicht werden soll.  

Zudem habe ich mitgenommen, dass es einige Instrumente gibt um den Menschen zu helfen zu genesen. Sei es durch Schulungsprogramme, Wellness-Recovery-Aktions-Pläne oder ähnliches. Dazu habe ich auch dementsprechend viele Handouts mit im Gepäck. Wichtig bei all dem ist, dass die Person „im Führersitz“ bleibt und wir begleiten. Deutlich wurde bei all den Menschen, die mit „Profis“ wie Pflegenden, Psychologen, Psychiatern, etc. zu tun haben, dass sie im Gegenüber einen Partner haben möchten mit dem sie auf Augenhöhe sprechen können und mit dem sie ein Team bilden können. Zudem war ihnen wichtig jemand zu haben der ihnen Hoffnung gibt. Das konnte entweder jemand aus der Familie sein, ein Freund, ein Kollege, aber auch ein professioneller Helfer. Beides verdeutlicht die Wichtigkeit von Partizipation und Einbezug in die Therapie und ich würde mir wünschen, dass es obligat wird die Menschen mit in Behandlungskonferenzen etc. einzubeziehen. Das ist sicherlich ein Prozess und mit Ängsten und Unsicherheit in den Teams verbunden, die sich an so etwas ran tasten müssen und es ist sicher ein Prozess. Aber von unseren Patienten verlangen wir ja auch, dass sie über ihre Ängste und Unsicherheiten sprechen und neues ausprobieren. Dann können wir ja auch mal was Neues wagen. Habe mir hier ein schönes Lesezeichen mit einem Spruch von Franz Kafka gekauft: „Paths are made by walking“. Ich denke, dass wir vielerorts auf einem guten Weg sind und dass es viele Menschen gibt, die Lust haben etwas zu verändern > change-agents.

Zur Partizipation gehört auch der Einbezug von Peers. Hier habe ich gesehen wie bereitgefächert die Menschen eingebunden werden. Bei uns wird es häufig meiner Meinung nach eher als Schwäche angesehen oder hinter vorgehaltener Hand gemunkelt, wenn ein professioneller Helfer mal selbst eine seelische Krise erleidet. Hier wirkt es so als würden die Einrichtungen sagen: „Super. Wir stellen Dich genau deshalb ein. Komm und erzähl uns mehr über deine Geschichte.“ Die Aussage „Experten aus Erfahrung“ ist nicht übertrieben und das Expertenwissen sollte genutzt werden.

Ich habe hier wirklich tolle Menschen, super Programme und Einrichtungen kennengelernt. Ich habe viele anrührende Geschichten gehört und viele Angebote bekommen, dass wir (alle Einrichtungen in Deutschland, die interessiert sind) Unterstützung bekommen können und mal hier Anfragen können, wenn es Fragen gibt. Es ist toll zu hören, wie die Menschen berichten, was es ihnen gibt jemand getroffen zu haben, der ihnen Hoffnung gegeben hat und der geholfen hat sich weiter zu entwickeln. Ich hoffe, dass ich jetzt nicht zu enthusiastisch bin und einen Neglect für alles Kritische habe.  ;) Aber vielleicht habe ich ja den ein oder anderen angesteckt.

Und abschließend habe ich mitgenommen: Recovery is possible!!!

Falls ich jemand angesteckt haben sollte eine solche Hospitation zu machen, könnt ihr ja morgen nochmal in das Blog gucken. Ich versuche Euch noch ein paar Tipps zu geben und zu sagen, was mir geholfen hat.

Eure Regine

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